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Es muss nicht immer Jura sein

von Miriam Schmidt und Jan Hendrik Addicks

Wer das Wort „Gericht“ hört, muss sicherlich zuerst an Straf- oder Zivilprozessverfahren denken, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Dass es daneben jedoch noch weitaus mehr Rechtsgebiete gibt, die beim Gericht bearbeitet werden, merken die meisten erst, wenn sie in die entsprechende Situation kommen: Kann die Großmutter nicht mehr für sich selbst sorgen, wird womöglich das Betreuungsgericht eingeschaltet; für den Traum vom eigenen Haus ist das Grundbuchamt beim örtlichen Amtsgericht zuständig; ist man Erbe geworden, muss das Nachlassgericht einen Erbschein ausstellen. Das Aufgabenspektrum des Gerichts ist damit zwar noch lange nicht erschöpft, aber es wird deutlich, dass die Arbeit hier nie langweilig werden kann.

Doch auch bei den Mitarbeitern des Gerichts kommen den meisten zunächst nur Richter, Anwälte oder auch Staatsanwälte in den Sinn. Aber muss man Jura studiert haben, um bei uns zu arbeiten?

Neben Richtern und Wachtmeistern arbeiten am Gericht auch Rechtspfleger (ehemaliger gehobener Dienst) und Justizfachwirte (ehemaliger mittlerer Dienst). Diese beiden, zu Unrecht immer noch relativ unbekannten Berufe, sollen hier nun näher vorgestellt werden.

Rechtspfleger

Der Rechtspfleger ist ein selbständiges Organ der Rechtspflege und in vielen Bereichen der Justiz tätig.

Seine Arbeit bietet vielseitige und verantwortungsvolle Aufgaben im direkten Kontakt mit Menschen. Er ist bei Gerichten und Staatsanwaltschaften dort tätig, wo früher Richter oder Staatsanwälte die Entscheidungen trafen.

Der Rechtspfleger ist dabei mehr als nur ein „kleiner Richter“ und hat häufig auch direkten Kontakt mit dem Bürger.

Er steht ihm beispielsweise in der Rechtsantragstelle zur Verfügung, wenn dieser eine Klage erheben möchte oder sich gegen eine gegen ihn eingeleitete Zwangsvollstreckungsmaßnahme wie z.B. die Wohnungsräumung verteidigen möchte. Das Aufgabenspektrum des Rechtspflegers reicht von der Erteilung eines Erbscheines beim Nachlassgericht über die Zwangsversteigerung von Häusern bis hin zur Leitung und Überwachung eines Insolvenzverfahrens.

Die Fähigkeiten für dieses Amt erwirbt man in einem praxisorientierten dualen Fachhochschulstudium in Hildesheim, welches jährlich zum 1. Oktober beginnt.

Der Rechtspflegeranwärter, so seine offizielle Bezeichnung während des Studiums, durchläuft hierbei sowohl Theorie- als auch Praxisphasen. Besonders in den Praxisphasen kann er das Gelernte bei Amtsgerichten und Staatsanwaltschaften bereits anwenden und vertiefen. Er hat dabei beispielsweise die Möglichkeit (natürlich unter Aufsicht eines erfahrenen Rechtspflegers), selbstständig einen Zwangsversteigerungstermin zu leiten oder einen Erbscheinsantrag aufzunehmen.

Im Gegensatz zu einem Jurastudium dauert das Studium zum Rechtspfleger nur drei Jahre. Schon während der Studienzeit erhält der sogenannte Rechtspflegeranwärter monatliche Bezüge von rund 1.150,00 € und führt den Status eines Beamten auf Widerruf. Nach bestandener Laufbahnprüfung erfolgt die Übernahme ins Beamtenverhältnis auf Probe mit der Aussicht einer Verbeamtung auf Lebenszeit. Durch die guten Berufsaussichten und die finanzielle Absicherung bietet das Rechtspflegestudium somit eine echte Alternative zum langwierigen Jurastudium mit oft unsicherer Zukunftsperspektive.

„Der Beruf zeichnet sich durch seine Vielseitigkeit aus.

Als Rechtspflegerin begegne ich jeden Tag ganz unterschiedlichen Lebenssachverhalten und treffe dabei auf Menschen in allen Lebensphasen, z. B. als Käufer eines Grundstücks, als Erbe von Vermögen oder Schulden, als Betreuer eines Angehörigen, als Schuldner oder Gläubiger. Jeder Fall kann für die Beteiligten von großer persönlicher Bedeutung sein.

Die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten wäge ich gegeneinander ab und treffe durch Anwendung der Gesetze unter Berücksichtigung der Lebensumstände schließlich neutrale Entscheidungen. Das Rüstzeug für die richtige Anwendung der Gesetze ist Inhalt des Studiums, aber das ‚richtige Leben‘ ist viel komplexer. Diese Komplexität macht den Beruf so abwechslungsreich und fordernd.“

Sonja Dotzauer, Rechtspflegerin

Ich bin seit fast 2 Jahren Rechtspfleger am Amtsgericht in Cloppenburg, aber wieso eigentlich? Alles fing bereits mit einem Praktikum im Jahre 2011 während meines Besuches der Fachoberschule in Oldenburg an. Dabei lernte Ich den Beruf in all seinen Facetten kennen. Besonders gut gefiel mir, dass der Rechtspfleger sachlich unabhängig ist.

Das bedeutet, dass Ich bei meinen Entscheidungen nur an Recht und Gesetz gebunden bin und keinen Weisungen eines Vorgesetzten unterliege. Dabei habe ich ab dem ersten Tag die gleichen Befähigungen wie schon dienstältere Kollegen, aber zugleich auch die gleiche Verantwortung wie diese. Ich entscheide zwar immer alleine, kann meine Kollegen jedoch immer um Rat fragen. Zusätzlich erfolgt ein stetiger Austausch unter den verschiedenen Berufsgruppen beim Gericht, was mir ebenfalls sehr gut gefällt.“

Jan Hendrik Addicks, Rechtspfleger


Justizfachwirt

Der Justizfachwirt ist, egal ob telefonisch oder persönlich, meist die erste Anlaufstelle für ratsuchende Bürger. Er ist in allen Abteilungen des Gerichts tätig und ist zu jedem Zeitpunkt des Verfahrens gefordert, da er nicht nur die Akten verwaltet, sondern sich auch um den Schriftverkehr kümmert. Besonders bei der Kostenberechnung und der Aufnahme verschiedener Anträge sind sein eigenständiges Denken und die Anwendung seiner erlernten Rechtskenntnisse erforderlich.

Die Ausbildung zum Justizfachwirt beginnt jedes Jahr am 1. September und dauert zweieinhalb Jahre. Sie gliedert sich in Theorie- und Praxisabschnitte, in denen umfangreiches Wissen in allen betroffenen Rechtsgebieten vermittelt wird.

Während dieser Zeit wird man bereits verbeamtet und hat Anspruch auf eine Besoldung, die über dem Durchschnitt einer normalen Ausbildungsvergütung liegt (derzeit ca. 1.090,00 €). Nach einer erfolgreichen Prüfung winken dann neben der Verbeamtung auf Lebenszeit auch familienfreundliche, flexible Arbeitszeiten, sodass eine Ausbildung zum Justizfachwirt nicht nur vielseitig und spannend ist, sondern auch eine gewisse berufliche Sicherheit bietet.

„Ich habe es nicht bereut, mich für die Ausbildung zur Justizfachwirtin entschieden zu haben.

In meiner Serviceeinheit nehme ich büroorganisatorische, verwaltende und rechtsanwendende Tätigkeiten wahr, die sowohl verantwortungsvoll als auch abwechslungsreich sind.

Neben meiner Tätigkeit in der Familienabteilung bin ich im Grundbuchamt eingesetzt. Jeder Tag bietet neue Herausforderungen und diese können sehr vielfältig sein. Neben der Aktenverwaltung (Fristenüberwachung, Aktenkontrolle u.a.) bin ich erste Ansprechpartnerin für Bürger, sowohl am Telefon, als auch persönlich vor Ort in der Serviceeinheit. Justizfachwirte stellen somit eine wichtige Kontaktstelle zwischen Bürger und Justiz dar. Der Beruf erfordert neben vielseitigen Fachkenntnissen auch Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft, Sorgfalt und ein gutes Einfühlungsvermögen.

Aber auch die Berechnung der anfallenden Gerichtskosten oder die Entschädigung von Zeugen, Sachverständigen und Dolmetschern gehört zu meinen Aufgaben.

Ein guter Umgang mit den Verfahrensbeteiligten, aber auch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Diensten ist mir sehr wichtig, da die einzelnen Arbeitsabläufe ineinander übergehen. Wir arbeiten also ‚Hand in Hand‘, das gefällt mir.“

Karina Brockhage, Justizfachwirtin

Sollten wir euer Interesse an diesen beiden spannenden und abwechslungsreichen Berufen geweckt haben, freuen wir uns darauf, euch mehr davon auf der Jobmesse am 1. und 2. September 2017 zu berichten!

Für Interessierte, die sich vorab informieren wollen: https://www.oberlandesgericht-oldenburg.niedersachsen.de

Foto Karina Brockhage und  Jan Hendrik Addicks  
Karina Brockhage und Jan Hendrik Addicks
Artikel-Informationen

26.04.2019

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